Inhalt12 Kapitel
Energieversorger, Netz- und Messstellenbetreiber arbeiten derzeit gegen zwei Uhren gleichzeitig. Die erste stellt das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG): Bis Ende 2025 mussten grundzuständige Messstellenbetreiber mindestens 20 Prozent ihrer Pflichteinbaufälle mit intelligenten Messsystemen ausstatten, und die Bundesnetzagentur hat im März 2026 gegen 77 säumige Messstellenbetreiber Aufsichtsverfahren eingeleitet. Die zweite Uhr stellt SAP: Die Mainstream-Wartung der Business Suite 7, und damit von SAP ECC samt der Branchenlösung IS‑U, endet am 31. Dezember 2027.
Beide Fristen treffen dieselben Systeme. Intelligente Messsysteme liefern Viertelstundenwerte statt eines Jahreswerts, verlangen neue Prozesse in Geräteverwaltung, Energiedatenmanagement und Abrechnung und hängen an einer Marktkommunikation, die sich mit AS4 und API-Webdiensten gerade selbst umbaut. Wer das in einer SAP-Landschaft abbilden will, braucht deshalb beides im Blick: die Regulatorik und die Systemarchitektur.
Dieser Fachratgeber verbindet beide Seiten: die Rechtslage nach der MsbG-Novelle vom Februar 2025 samt Fristen, Preisobergrenzen und aktuellen Rollout-Zahlen, und die SAP-Architektur, mit der sich intelligente Messsysteme von der Geräteverwaltung über IM4G, AMI/MDUS und EDM bis zur Marktkommunikation abbilden lassen.
Was ist ein intelligentes Messsystem (iMSys)?
Ein intelligentes Messsystem (iMSys) ist nach § 2 Nr. 7 MsbG eine moderne Messeinrichtung, die über ein Smart-Meter-Gateway sicher in ein Kommunikationsnetz eingebunden ist. Seit der Gesetzesänderung vom Dezember 2025 kann auch eine Messeinrichtung zur registrierenden Leistungsmessung (RLM) die Zählerkomponente stellen. Umgangssprachlich wird das iMSys häufig vereinfacht als Smart Meter bezeichnet; das MsbG kennt diesen Begriff nur als Bestandteil des Kompositums Smart-Meter-Gateway.
mME und iMSys: der Unterschied
Der Unterschied liegt im Smart-Meter-Gateway: Eine moderne Messeinrichtung (mME) ist ein digitaler Zähler ohne eigene Kommunikationsanbindung, erst mit Gateway wird daraus ein intelligentes Messsystem. Nach § 2 Nr. 15 MsbG ist die mME eine Messeinrichtung, die Elektrizitätsverbrauch und Nutzungszeit widerspiegelt, bei Bedarf auch die Erzeugung, und die über ein Smart-Meter-Gateway in ein Kommunikationsnetz eingebunden werden kann. Solange dieses Gateway fehlt, sendet die mME keine Daten: Anschlussnutzer können tages-, wochen-, monats- und jahresbezogene Verbrauchswerte der letzten 24 Monate nur direkt am Gerät einsehen (§ 61 MsbG). Erst die Kombination aus mME und Smart-Meter-Gateway macht daraus ein intelligentes Messsystem, das Messwerte erhebt, verarbeitet und an berechtigte Empfänger übermittelt.
| Merkmal | Moderne Messeinrichtung (mME) | Intelligentes Messsystem (iMSys) |
|---|---|---|
| Rechtsgrundlage | § 2 Nr. 15 MsbG | § 2 Nr. 7 MsbG |
| Komponenten | digitaler Zähler | mME (oder RLM-Messeinrichtung) plus Smart-Meter-Gateway |
| Kommunikation | keine, Anzeige nur am Gerät | verschlüsselte Übertragung über das Gateway |
| Datengranularität für Marktprozesse | Jahres-/Ablesewerte | bis zu Viertelstundenwerte (Zählerstandsgang) |
| Typischer Einsatz | Messstellen ohne Pflichteinbaufall, Übergangsausstattung bis 2032 | Pflichteinbaufälle, § 14a‑Steuerung, dynamische Tarife |
Die Komponenten: Zähler, Smart-Meter-Gateway, Steuerbox
Das Smart-Meter-Gateway (SMGW) ist nach § 2 Nr. 19 MsbG die Kommunikationseinheit des iMSys. Die Technische Richtlinie TR‑03109‑1 des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) definiert dafür drei Netzschnittstellen: das LMN (Local Metrological Network) zu den Zählern, das WAN (Wide Area Network) zu Gateway-Administrator und externen Marktteilnehmern sowie das HAN (Home Area Network) in der Liegenschaft, das wiederum in einen Anschluss für den Verbraucher (HAN-CON) und einen für steuerbare Geräte (HAN-CLS) unterteilt ist.
Über die CLS-Schnittstelle (in der Branche als Controllable Local Systems aufgelöst) werden Steuerboxen angebunden, mit denen Wärmepumpen, Ladepunkte oder Speicher netzorientiert gesteuert werden. Die Anforderungen an solche CLS-Kommunikationsadapter regelt die TR‑03109‑5. Damit ist die Steuerbox die technische Brücke zwischen dem iMSys und den Pflichten aus § 14a EnWG, dazu unten mehr.
Der Gateway-Administrator (GWA) verantwortet nach § 2 Nr. 20 und Nr. 24 MsbG den technischen Betrieb des Gateways: Installation, Inbetriebnahme, Konfiguration, Administration, Überwachung und Wartung, einschließlich des Zertifikatsmanagements in der Smart-Metering-PKI (Public Key Infrastructure) nach TR‑03109‑4. Die Anforderungen an den GWA-Betrieb stehen in der TR‑03109‑6, die das BSI im Dezember 2025 in Version 2.0 veröffentlicht hat; sie wird ab dem 1. Januar 2027 mit der nächsten Neu- oder Rezertifizierung des GWA-Systems verbindlich und regelt auch Remote-Arbeitsplätze.
Marktrollen: Wer betreibt die Messstelle?
Der Messstellenbetreiber (MSB) betreibt die Messstelle. Grundzuständiger Messstellenbetreiber (gMSB) ist nach § 2 Nr. 4 MsbG regelmäßig der Betreiber des örtlichen Energieversorgungsnetzes; ihn trifft die gesetzliche Ausstattungspflicht aus § 29 und § 45 MsbG. Daneben können Anschlussnutzer oder unter bestimmten Bedingungen Anschlussnehmer einen anderen Anbieter wählen, im Marktjargon den wettbewerblichen Messstellenbetreiber (wMSB); das Gesetz spricht schlicht von einem Dritten (§ 5, § 6 MsbG). Seit Dezember 2025 gilt dabei eine Einschränkung: Hat der gMSB ein iMSys eingebaut, kann der Anschlussnutzer das Wahlrecht erst nach Ablauf von zwei Jahren ausüben.
Rollout-Pflichten und Fristen nach dem MsbG
Verpflichtend ist der Einbau eines intelligenten Messsystems nach § 29 Abs. 1 MsbG in drei Fallgruppen: bei Letztverbrauchern mit einem Jahresstromverbrauch über 6.000 Kilowattstunden, bei Betreibern von Erzeugungsanlagen mit mehr als 7 Kilowatt installierter Leistung sowie bei steuerbaren Verbrauchseinrichtungen mit einer Vereinbarung nach § 14a EnWG. In den beiden letztgenannten Fallgruppen verlangt das Gesetz seit Februar 2025 zusätzlich eine Steuerungseinrichtung am Netzanschlusspunkt.
Beim Zeitplan ist Vorsicht mit älteren Quellen geboten. Das Gesetz zum Neustart der Digitalisierung der Energiewende (GNDEW) von 2023 hatte für die Pflichteinbaufälle zwischen 6.000 und 100.000 Kilowattstunden Quoten von 20 Prozent bis Ende 2025, 50 Prozent bis 2028 und 95 Prozent bis 2030 festgeschrieben. Diese 50- und 95-Prozent-Ziele gelten nicht mehr: Das Solarspitzengesetz (in Kraft seit 25. Februar 2025) hat § 45 MsbG neu gefasst. Viele Fachbeiträge zitieren den alten Fahrplan trotzdem weiter.
Seitdem gilt:
| Frist | Pflicht nach § 45 MsbG (Fassung 2025) |
|---|---|
| bis 31.12.2025 | mindestens 20 % der Pflichteinbaufälle (6.000–100.000 kWh inkl. § 14a‑Fälle) ausgestattet |
| ab 2026 | je Zwei-Jahres-Zeitraum mindestens 90 % der in diesem Zeitraum neu auszustattenden Messstellen |
| ab 2028 | Einbaupflicht auch für Fälle über 100.000 kWh Jahresverbrauch bzw. über 100 kW (registrierende Leistungsmessung) |
| bis 31.12.2032 | mindestens 90 % aller auszustattenden Messstellen; alle übrigen Messstellen mindestens mit mME (§ 29 Abs. 3 MsbG) |
Die frühere Vorab-Hürde einer BSI-Markterklärung („drei zertifizierte Anbieter") ist Geschichte: Das GNDEW hat sie 2023 abgeschafft und durch den sogenannten agilen Rollout ersetzt (§ 31 MsbG).
Preisobergrenzen: Was der Messstellenbetrieb kosten darf
Die Preisobergrenzen (POG) wurden mit der Novelle 2025 neu geordnet. Für die moderne Messeinrichtung dürfen seit dem 25. Februar 2025 höchstens 25 Euro brutto jährlich berechnet werden (§ 32 MsbG); der ältere Wert von 20 Euro taucht in vielen Quellen noch auf. Bei den iMSys-Preisobergrenzen ist die wichtigste Feinheit, dass die öffentlich zitierten Beträge nur den Anteil des Anschlussnutzers abbilden. Der Anschlussnetzbetreiber trägt zusätzlich bis zu 80 Euro pro Jahr. Die wichtigsten Fallgruppen im Überblick:
| Fallgruppe (§ 30 MsbG, rückwirkend ab 01.01.2025, Auswahl) | Anteil Anschlussnutzer pro Jahr | Gesamt-POG pro Jahr |
|---|---|---|
| Optionaler Einbau bei unter 6.000 kWh | 30 € | 60 € |
| Pflichtfall 6.000 bis 10.000 kWh | 40 € | 120 € |
| § 14a‑Fälle und Erzeugungsanlagen 7 bis 15 kW | 50 € | 130 € |
| Zusatz Steuerungseinrichtung (§ 30 Abs. 2) | +50 € (Anschlussnehmer) | +50 € auch beim Netzbetreiber |
Für den vorzeitigen Einbau auf Kundenwunsch darf der gMSB seit Januar 2025 zusätzlich einmalig bis zu 100 Euro berechnen; Frist und Grenzen dieses Anspruchs stehen in den häufigen Fragen am Ende des Artikels.
Wo der Rollout steht: die Zahlen der Bundesnetzagentur
Zum 31. Dezember 2025 waren nach der Quartalserhebung der Bundesnetzagentur exakt 3.094.346 intelligente Messsysteme installiert. Das entspricht 5,5 Prozent aller rund 56,5 Millionen erfassten Messlokationen und einer Quote von 23,3 Prozent bei den quotenrelevanten Pflichteinbaufällen (1.095.715 von 4.709.487). Moderne Messeinrichtungen kamen auf 53,8 Prozent der erfassten Messlokationen. Die Dynamik nimmt zu: Nach rund 540.000 neuen iMSys im Jahr 2024 kamen 2025 knapp 2 Millionen hinzu, wobei ein Teil des statistischen Anstiegs auch auf vollständigere Meldungen zurückgeht. Aktuellere amtliche Zahlen gibt es zum Stand August 2026 nicht; die Behörde hat die Erhebung auf einen halbjährlichen Turnus umgestellt.
Auffällig ist das Gefälle nach Betreibergröße. Die Quote bezieht sich jeweils auf die Pflichteinbaufälle der Größenklasse:
| gMSB-Größenklasse (Messlokationen) | Anzahl Betreiber | Ø Rollout-Quote Q4/2025 |
|---|---|---|
| über 500.000 | 19 | 27,1 % |
| 100.000 bis 500.000 | 66 | 19,7 % |
| 30.000 bis 100.000 | 129 | 17,5 % |
| unter 30.000 | 599 | 14,6 % |
Die Aufsicht zieht daraus Konsequenzen: Am 27. März 2026 hat die Bundesnetzagentur Aufsichtsverfahren gegen 77 Messstellenbetreiber eingeleitet, die das 20-Prozent-Ziel verfehlt oder noch gar nicht mit dem Rollout begonnen hatten, und weitere Verfahren angekündigt.
§ 14a und § 41a EnWG: die Anwendungsfälle, die den Rollout treiben
Zwei Paragraphen des Energiewirtschaftsgesetzes erzeugen die Nachfrage nach genau den Fähigkeiten, die nur ein iMSys liefert: Steuerbarkeit und Viertelstundenwerte.
Netzorientierte Steuerung nach § 14a EnWG
Seit Jahresbeginn 2024 gilt für neue steuerbare Verbrauchseinrichtungen mit mehr als 4,2 Kilowatt Leistung, dass der Verteilnetzbetreiber sie bei drohender Netzüberlastung dimmen darf; im Gegenzug zahlen die Betreiber reduzierte Netzentgelte. Das Gesetz nennt als steuerbare Verbrauchseinrichtungen insbesondere Wärmepumpen, nicht öffentlich zugängliche Ladepunkte, Kälte- und Speicheranlagen sowie Nachtstromspeicherheizungen. Die konkrete Ausgestaltung, also die 4,2-kW-Schwelle, die Entgeltmodule 1 bis 3 und die Dimm-Mechanik, steht nicht im Gesetz selbst, sondern in der Festlegung BK6‑22‑300 der Beschlusskammer 6 der Bundesnetzagentur. Gedimmt wird auf eine Mindestleistung von grundsätzlich 4,2 Kilowatt je Einrichtung (bei Anlagen über 11 Kilowatt anteilig 40 Prozent der Netzanschlussleistung), eine Vollabschaltung ist ausgeschlossen. Bestandsanlagen von vor 2024 genießen Bestandsschutz, sofern keine Steuerungsvereinbarung bestand; für Nachtspeicherheizungen läuft er Ende 2028 aus.
Technisch setzt die Steuerung ein iMSys plus Steuerbox am CLS-Anschluss voraus. Das seit April 2025 verfügbare Modul 3 mit zeitvariablen Netzentgelten erfordert ausdrücklich ein intelligentes Messsystem und ist nur in Kombination mit Modul 1 wählbar. Für Messstellenbetreiber heißt das: Jeder § 14a‑Fall ist zugleich ein iMSys-Pflichtfall samt Steuerungseinrichtung, und die Prozesskette reicht vom Gerätemanagement über den GWA bis in die Netzentgeltabrechnung.
Dynamische Tarife nach § 41a EnWG
Seit dem 1. Januar 2025 müssen alle Stromlieferanten ihren Kunden mit intelligentem Messsystem einen dynamischen Tarif anbieten; die frühere Schwelle von 100.000 belieferten Letztverbrauchern ist entfallen (§ 41a Abs. 2 EnWG). Was als dynamisch gilt, definiert § 3 Nr. 95 EnWG: Der Tarif muss die Preisschwankungen der Spotmärkte, einschließlich Day-Ahead und Intraday, in Intervallen widerspiegeln. Ein Tarif mit festen Hoch- und Niedrigpreisfenstern erfüllt diese Definition nicht.
Für die Abrechnung bedeutet das einen Systemwechsel: Statt eines Jahresverbrauchs multipliziert mit einem Preis entsteht je Marktlokation ein Zählerstandsgang in Viertelstundenauflösung, der Intervall für Intervall mit Börsenpreisen bewertet werden muss.
Wie SAP intelligente Messsysteme abbildet: die Produktlandschaft
SAP deckt die iMSys-Prozesskette nicht mit einem einzelnen Produkt ab, sondern mit einem Baukasten aus dem IS‑U-Kern in SAP S/4HANA Utilities, deutschen Lokalisierungslösungen und Cloud-Komponenten auf der SAP Business Technology Platform (BTP). Die Übersicht:
| Baustein | Aufgabe im iMSys-Kontext | Bereitstellung |
|---|---|---|
| SAP S/4HANA Utilities (IS‑U-Kern) | Stammdaten, Geräteverwaltung, Abrechnung, EDM, Marktkommunikation (IDEX) | S/4HANA, On-Premise oder Private Cloud |
| Intelligent Metering (IM4G) | deutsche iMSys-Prozesse: Gerätelebenszyklus, eLS-Import, Web-Services zu GWA und MDM | ECC-Add‑on bzw. eigenes S/4HANA-Produkt |
| AMI Integration / MDUS | standardisierte Enterprise Services zu MDM- und Head-End-Systemen | Service-Bundle im IS‑U-Kern |
| Energy Data Management (EDM) | Zeitreihenverwaltung, Validierung und Ersatzwerte, Settlement, RTP-Abrechnung | Bestandteil IS‑U/S/4HANA Utilities |
| SAP Cloud for Energy / SAP DER | Cloud-Energiedatenmanagement, Billing Determinants für Time-of-Use | SaaS auf BTP |
| SAP MaCo Cloud | deutsche Marktkommunikation als Service inkl. Formatwechseln | SaaS auf BTP |
| MOS Billing | Abrechnung des Messstellenbetriebs (Rolle MSB) | Add‑on für den deutschen Markt |
| Measurement Concept Management (MCM) | Messkonzeptverwaltung für komplexe Mess-/Marktlokationsstrukturen | BTP-App plus S/4HANA-Add‑on |
| Convergent Invoicing / FI‑CA | Fakturierung, Vertragskontokorrent, Non-Commodity | Bestandteil S/4HANA Utilities |
| SAP BTP (Integration Suite, Event Mesh, CAP) | Side-by-Side-Erweiterungen, Clean Core | PaaS |
S/4HANA Utilities und der IS‑U-Kern
SAP IS‑U (Industry Solution Utilities) ist die etablierte Branchenlösung auf ECC-Basis; in SAP S/4HANA Utilities lebt ihr Kern weiter. Geräteverwaltung, Abrechnung, EDM und die Marktkommunikationskomponenten IDEX (Intercompany Data Exchange, für Deutschland IDEX-GE für Strom, IDEX-GM für das Messwesen und IDEX-GG für Gas) sind in aktuellen S/4HANA-Releases nativer Bestandteil des Produkts und kein Compatibility Pack. Nur in den frühen Releases 1503 und 1605 liefen einzelne klassische IS‑U-Lösungen formal als „Limited Compatibility Packs", was für heutige Installationen keine Rolle mehr spielt.
IM4G: Intelligent Metering für den deutschen Markt
Hinter dem Kürzel IM4G stehen genau genommen zwei Produkte. Für ECC heißt das Add‑on „SAP Intelligent Metering for German Energy Utilities", daher stammt die Abkürzung. Für S/4HANA führt SAP das eigenständige Produkt „SAP S/4HANA Utilities for Intelligent Metering of German Energy". Beide bilden die deutschen iMSys-Prozesse ab: Einbau, Wechsel und Parametrierung intelligenter Messsysteme, Messprodukte als Vorlagen, Einbauplanung sowie die Web-Service-Kommunikation mit Gateway-Administration und Messdatenmanagement.
Ein Detail mit großem Praxisnutzen ist der elektronische Lieferschein (eLS): ein vom Forum Netztechnik/Netzbetrieb (FNN) im VDE definiertes XML-Format, mit dem Gerätehersteller Lieferungen von Zählern, Gateways und Komponenten elektronisch avisieren. SAP importiert den eLS in die Geräteverwaltung, legt die Geräte samt Attributen an und bucht die Wareneingänge, statt dass jemand tausende Seriennummern und Schlüssel manuell erfasst. In Einführungsprojekten entscheidet sich der Aufwand erfahrungsgemäß an drei Stellen: an der Ausprägung der Prozesse und Messprodukte, an der Aufbereitung der Gerätestammdaten und an der Anbindung der Web-Services zu Gateway-Administration und Messdatenmanagement samt Test gegen die realen Marktprozesse.
AMI Integration und MDUS: die Brücke zu MDM und Head-End
Die Advanced Metering Infrastructure (AMI) Integration verbindet SAP mit externen Messdatensystemen über ein standardisiertes Bündel von Enterprise Services, bekannt als MDUS (Meter Data Unification and Synchronization). Darüber laufen unter anderem Fernab- und -zuschaltung, Ablesung auf Anforderung und der Abruf von Zeitreihen; SAP dokumentiert die Details im Hinweis 1754249. SAP beschreibt dafür zwei Architekturmuster: In der Drei-Ebenen-Variante sitzt zwischen SAP und den Head-End-Systemen (HES) ein Meter Data Management (MDM) etwa von Kisters, Itron oder Oracle; Itron etwa führt seine Lösung nach eigenen Angaben als SAP-zertifizierte MDUS-Schnittstelle. In der Zwei-Ebenen-Variante bindet SAP das HES direkt über dieselben Services an, und SAP EDM wird zur führenden Messdatenquelle.
EDM: Zeitreihen, Validierung, Real-Time-Pricing
Das Energy Data Management (EDM) ist die Zeitreihenzentrale des IS‑U-Kerns. Es verwaltet äquidistante Profile, führt Validierung, Ersatzwertbildung und Bearbeitung durch (im Branchenjargon VEE: Validation, Estimation, Editing, mit anpassbaren Prüf- und Ersatzwertverfahren), aggregiert für Settlement und Bilanzierung und stellt der Abrechnung Real-Time-Pricing-Verfahren für Intervallwerte bereit. Damit ist EDM der Baustein, an dem sich entscheidet, ob dynamische Tarife und viertelstundenscharfe Bilanzierung funktionieren.
Abrechnung: Billing, Convergent Invoicing und FI‑CA
Die klassische IS‑U-Abrechnung tarifiert Commodity-Mengen, das Vertragskontokorrent FI‑CA (Contract Accounts Receivable and Payable) führt Forderungen und Zahlungen im Massengeschäft. Für zeitreihenbasierte und produktübergreifende Modelle, etwa dynamische Stromtarife neben Wallbox-Miete und Dienstleistungen, hat sich in der Beratungspraxis SAP Convergent Invoicing etabliert, das abrechnungsrelevante Einzelposten aus beliebigen Quellen zu einer Rechnung zusammenführt. Messstellenbetreiber wiederum rechnen ihren Messstellenbetrieb mit dem Add‑on „Meter Operation Service Billing for German Electricity and Gas Utilities" (MOS Billing) ab, inklusive der zugehörigen Marktprozesse.
Cloud-Bausteine: MaCo Cloud, Cloud for Energy, MCM
Drei jüngere Komponenten verlagern Teile der Kette in die Cloud. Die SAP MaCo Cloud (offiziell „SAP Market Communication for Utilities") wickelt die deutsche Marktkommunikation als Software-as-a-Service auf der BTP ab; SAP übernimmt dabei die halbjährlichen Formatwechsel. SAP Cloud for Energy verwaltet Messdaten als Cloud-Service auf Basis des Common Information Model (CIM, IEC 61968-9) und liefert Billing Determinants für Time-of-Use-Modelle; seit April 2026 positioniert SAP diese Fähigkeiten als Teil des neuen Angebots SAP Distributed Energy Resources (SAP DER). Dorthin gehört auch das Measurement Concept Management (MCM), die Messkonzeptverwaltung für komplexe Konstellationen aus mehreren Mess- und Marktlokationen, etwa bei Erzeugung mit Überschusseinspeisung oder Speichern, mit einem Add‑on für die Übernahme der Konzepte nach S/4HANA.
Für Auswertungen auf großen Zeitreihenbeständen stehen SAP Datasphere und SAP Analytics Cloud bereit, seit Februar 2025 gebündelt unter dem Dach der SAP Business Data Cloud.
End-to-End-Architektur: vom Zähler in die Marktkommunikation
Die Kette sieht im Ganzen so aus: Die mME misst und übergibt ihre Werte über die LMN-Schnittstelle an das SMGW. Das Gateway verschlüsselt und versendet die Daten über das WAN. Der Gateway-Administrator konfiguriert und überwacht das Gateway, während die Messwerte an das MDM beziehungsweise die berechtigten Marktteilnehmer fließen. In der von SAP dokumentierten Prozesskette stößt das SAP-System Aktionen wie Parametrierungen über Web-Services in Richtung GWA an; die laufenden Messwerte kommen nicht über den GWA zurück, sondern über das Messdatenmanagement per AMI/MDUS-Services in das EDM. Von dort versorgen sie Abrechnung, Bilanzierung und, über MaCo Cloud oder IDEX, die Marktkommunikation. Steuerbefehle, etwa nach § 14a EnWG, nehmen einen dritten Weg: Ein aktiver externer Marktteilnehmer (aEMT), etwa der Messstellenbetreiber im Auftrag des Netzbetreibers oder der Netzbetreiber selbst, erreicht die Steuerbox über einen CLS-Kanal durch das Gateway, den der GWA zuvor eingerichtet hat.
Abbildung 1
Alle Schnittstellen
- S1mMEanSMGWLMN
- S2SMGWanMDMWAN: Messwerte
- S3MDManEDMAMI/MDUS-Enterprise-Services
- S4EDManSAP MaCo Cloud oder IDEXMesswerte (MSCONS)
- S5SAP MaCo Cloud oder IDEXim Austausch mitMarktpartnerEDIFACT über AS4, API-Webdienste
- S6IM4Gim Austausch mitGWAWeb-Services: Prozesse, Parametrierung
- S7GWAim Austausch mitSMGWWAN: Administration
- S8aEMTanSMGWWAN: Steuerbefehle
- S9SMGWanCLS-GerätHAN-CLS
- S10IM4GanMDMWeb-Services: Gerätestammdaten
- S11EDManAbrechnung
- S12AbrechnunganSAP MaCo Cloud oder IDEXRechnungen (INVOIC)
Massendaten: der Sprung von 1 auf 35.040 Werte
Der Wechsel von der Jahresablesung zum Zählerstandsgang bedeutet pro Zeitreihe rund 35.040 Viertelstundenwerte im Jahr, bei Zählpunkten mit mehreren Registern, etwa Bezug und Einspeisung bei Prosumern, entsprechend mehr. Multipliziert mit hunderttausenden Marktlokationen wird daraus ein Mengengerüst, das Abrechnungsläufe, Bilanzierungsaggregation und Marktkommunikation gleichzeitig belastet. In SAP-Projekten heißt das konkret: Lasttests auf dem vollen Zielmengengerüst statt auf Testdatenbeständen, Parallelisierung der Massenläufe, ein Archivierungs- und Aufbewahrungskonzept für Zeitreihen sowie fachliches Schnittstellen-Monitoring. Für Letzteres hat sich das SAP Application Interface Framework (AIF) etabliert, das Nachrichtenfehler fachlich gruppiert und Massenkorrekturen durch die Fachbereiche erlaubt, statt jeden fehlerhaften Datensatz zur IT zu eskalieren.
Datenqualität: VEE und saubere Stammdaten
Fehlerhafte Messwerte treffen Abrechnung, Bilanzierung und Marktkommunikation gleichzeitig, deshalb sind die VEE-Prozesse im EDM keine Kür. Genauso wichtig sind die Stammdaten: In der Marktkommunikation bilden die per UTILMD ausgetauschten Stammdaten der Markt- und Messlokationen die Grundlage, gegen die eingehende MSCONS-Messwertnachrichten plausibilisiert werden. Wer hier unsaubere Zuordnungen von Messlokation zu Marktlokation hat, produziert Klärfälle im Takt der Viertelstunde. Rechtlich flankieren MsbG und die TR‑03109-Familie die Kette mit Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit, einschließlich der Verschlüsselung über die Smart-Metering-PKI.
BSI-Vorgaben: Schutzprofile und Tarifanwendungsfälle
Sicherheit und Interoperabilität des iMSys regelt das BSI über die Richtlinienfamilie TR‑03109: Teil 1 für das Gateway selbst, Teil 2 für dessen Sicherheitsmodul, Teil 3 für die Kryptographie, Teil 4 für die Smart-Metering-PKI, Teil 5 für CLS-Kommunikationsadapter und Teil 6 für die Gateway-Administration. Das Common-Criteria-Schutzprofil BSI-CC-PP-0073 in Version 1.3 und die TR‑03109‑1 in Version 1.1 bleiben übergangsweise bis Ende 2027 gültig, während die Nachfolgeversionen 2.0 bereits veröffentlicht sind. Für Projektplanungen heißt das: Gerätezertifizierungen und GWA-Rezertifizierungen wechseln in den kommenden zwei Jahren auf neue Grundlagen.
Was ein SMGW fachlich können muss, beschreiben die Tarifanwendungsfälle (TAF). Hier lohnt Präzision, denn im Netz kursiert weiterhin eine 14er-Liste aus der abgelösten Fassung v1.0 der Richtlinie. Die übergangsweise bis Ende 2027 weitergeltende TR‑03109‑1 v1.1 normiert sieben Pflicht-TAFs:
| TAF | Bezeichnung | Abrechnungsrelevant |
|---|---|---|
| TAF 1 | Datensparsame Tarife | ja |
| TAF 2 | Zeitvariable Tarife | ja |
| TAF 6 | Abruf von Messwerten im Bedarfsfall | ja |
| TAF 7 | Zählerstandsgangmessung | ja |
| TAF 9 | Bereitstellung der Ist-Einspeisung | nein |
| TAF 10 | Abruf von Netzzustandsdaten | nein |
| TAF 14 | Hochfrequente Messwertbereitstellung für Mehrwertdienste | nein |
Mit der Nachfolgeversion 2.0 der Richtlinie (Dezember 2024) verschiebt sich der Katalog erneut: TAF 6 geht in einer generischen Abruffunktion auf, neu hinzu kommen TAF 8 (Lastgangbildung mit Maximalwerten) und TAF 15 (Messwerte aus registrierenden Messeinrichtungen), beide spätestens ab dem 1. Januar 2027 normativ umzusetzen.
Praktisch ist TAF 7 der Arbeitspferd-Fall: Der viertelstündliche Zählerstandsgang ist die Datengrundlage für dynamische Tarife und die Viertelstundenbilanzierung. Die § 14a‑Steuerung selbst ist kein TAF, sie läuft über die CLS-Schnittstelle und die Steuerbox; datenseitig stützen TAF 9 und TAF 10 die netzorientierten Anwendungsfälle.
Marktkommunikation 2026: AS4, APIs und feste Formatzyklen
Die deutsche Marktkommunikation (MaKo) tauscht Stammdaten, Messwerte und Abrechnungsdaten zwischen den Marktrollen über EDIFACT-Nachrichtentypen wie UTILMD, MSCONS, ORDERS, INVOIC, REMADV oder UTILTS aus, eingebettet in die Prozessregelwerke GPKE (Geschäftsprozesse zur Kundenbelieferung mit Elektrizität), GeLi Gas, WiM (Wechselprozesse im Messwesen) und MaBiS (Bilanzkreisabrechnung). Redispatch 2.0 nutzt daneben XML-Formate.
Drei Entwicklungen prägen den Stand 2026. Erstens der Transportweg: Seit dem 1. April 2024 ist das standardisierte Übermittlungsprotokoll AS4 mit Absicherung über die Smart-Metering-PKI in der Sparte Strom verpflichtend, seit dem 1. April 2025 auch im Gas; der E‑Mail-Versand ist damit Geschichte. Zweitens die APIs: Mit dem Stichtag des 24-Stunden-Lieferantenwechsels am 6. Juni 2025 kam mit der MaLo-ID-Ermittlung der Webdienst, der in der Branche als erster verbindlicher API-Prozess gilt. Weitere API-Webdienste hatte die Beschlusskammer 6 zur Konsultation gestellt, zuletzt im Sommer 2026; mit Mitteilung Nr. 58 vom 1. Oktober 2026 hat die Bundesnetzagentur sie zurückgezogen. Die API-Webdienste bleiben damit voraussichtlich bis auf Weiteres auf MaLo-Ident und Steuern beschränkt, neue Anwendungsfälle wie der MaBiS-Hub kommen in EDIFACT. Drittens der feste Release-Takt: Die Formatversionen wechseln halbjährlich per BNetzA-Mitteilung, zuletzt mit Mitteilung Nr. 54 zum 1. April 2026 und Mitteilung Nr. 56 zum 1. Oktober 2026.
Auch die Bilanzierung zieht nach: Seit dem 6. Juni 2025 verpflichtet die Festlegung BK6‑24‑174 zur Übermittlung von Zählerstandsgängen, und Marktlokationen, deren Messlokationen vollständig mit iMSys ausgestattet sind, werden mit Viertelstundenwerten bilanziert statt über Standardlastprofile. Für SAP-Landschaften bedeutet dieser Dauerumbau eine strategische Frage: Formatwechsel weiter zweimal jährlich selbst einspielen (IDEX plus Support-Packages) oder die Marktkommunikation in die MaCo Cloud verlagern, bei der SAP die Formatpflege übernimmt. Gerade kleinere Marktteilnehmer entlasten so ihre knappen SAP-Ressourcen; große Häuser mit tiefen Eigenentwicklungen rechnen den Umstieg gegen ihre Prozessindividualität.
Migrationsdruck: das IS‑U-Wartungsende bestimmt den Takt
Die Mainstream-Wartung der SAP Business Suite 7, und damit von ECC samt IS‑U, endet am 31. Dezember 2027; für die älteren Enhancement Packages 0 bis 5 endete sie bereits Ende 2025. Danach bietet SAP eine Extended Maintenance gegen zwei Prozentpunkte Aufschlag bis Ende 2030 an. Wer mehr Zeit braucht, kommt nur noch über die „SAP ERP, private edition, transition option" bis längstens 2033, an Bedingungen geknüpft: Wechsel in die RISE-Private-Cloud vor Ende 2030, eine HANA-Datenbank und SAPs höchster Support-Plan („max success"). Für S/4HANA gilt umgekehrt ein Innovationsversprechen bis 2040. Die Nutzungsrechte der meisten Compatibility Packs sind bereits Ende Mai 2026 ausgelaufen.
Abbildung 2
- 2024
- Regulatorik§ 14a EnWG, neues Regime für steuerbare Verbrauchseinrichtungen(01.01.)
- RegulatorikAS4-Pflicht in der Sparte Strom(01.04.)
- 2025
- RegulatorikAngebotspflicht dynamische Tarife für alle Stromlieferanten(01.01.)
- RegulatorikMsbG-Novelle durch das Solarspitzengesetz(25.02.)
- RegulatorikAS4-Pflicht Gas und § 14a‑Modul 3(01.04.)
- RegulatorikZählerstandsgang-Übermittlung und MaLo-ID-API(06.06.)
- Regulatorik20-%-Rollout-Ziel für Pflichteinbaufälle(31.12.)
- SAP-WartungWartungsende SAP ERP 6.0 EhP 0 bis 5(31.12.)
- 2026
- RegulatorikStart der rollierenden Zwei-Jahres-Ziele, je 90 % der neu auszustattenden Messstellen
- RegulatorikMaKo-Formatstichtage 01.04. (Mitteilung Nr. 54) und 01.10. (Mitteilung Nr. 56)
- SAP-WartungNutzungsrechte der meisten Compatibility Packs enden(Ende Mai)
- 2027
- RegulatorikTR‑03109‑6 v2.0 verbindlich bei Neu- oder Rezertifizierung des GWA(ab 01.01.)
- RegulatorikEnde der Übergangsgültigkeit von Schutzprofil PP-0073 v1.3 und TR‑03109‑1 v1.1(31.12.)
- SAP-WartungEnde der Mainstream-Wartung SAP Business Suite 7 inkl. IS‑U(31.12.)
- 2028
- RegulatorikiMSys-Pflicht für RLM-Fälle über 100.000 kWh bzw. über 100 kW(ab 2028)
- 2030
- SAP-WartungEnde der Extended Maintenance für SAP ECC(31.12.)
- 2032
- Regulatorik90 % aller iMSys-Pflichtfälle ausgestattet, alle übrigen Messstellen mindestens mit mME(31.12.)
- 2033
- SAP-WartungEnde der SAP ERP, private edition, transition option
- 2040
- SAP-WartungSAP-Innovation-Commitment für S/4HANA
Wie eng es wird, zeigen die Anwenderzahlen. Im Investitionsreport 2026 der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG), für den 198 Mitgliedsunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt wurden, nutzen 54 Prozent noch ECC oder eine ältere Business Suite, nach 68 Prozent im Jahr 2024; unter den Befragten mit ECC-Investitionsplänen wollen 37 Prozent bis Ende 2027 auf S/4HANA umstellen, fast die Hälfte erst bis Ende 2030 und damit in der kostenpflichtigen Extended Maintenance. Für die Versorgungswirtschaft formulierte es PwC-Partner Rainer Bernnat im Oktober 2024 so: Die Hälfte der deutschen Stadtwerke hatte bis Sommer 2024 noch nicht mit der SAP-Transformation begonnen. Beratungshäuser, die IS‑U-Ablösungen umsetzen, veranschlagen dafür übereinstimmend 18 bis 36 Monate. Wer 2026 startet, hat also keinen Puffer mehr bis zum Wartungsende; wer später startet, plant die Extended Maintenance faktisch ein.
Greenfield, Brownfield oder Selective Data Transition?
| Pfad | Prinzip | Stärken | Grenzen |
|---|---|---|---|
| Greenfield | Neuimplementierung auf S/4HANA, Daten werden migriert, Prozesse neu aufgesetzt | größter Hebel für Clean Core und Prozessbereinigung | höchster Change-Aufwand, lange Projektlaufzeit |
| Brownfield | Systemkonversion des bestehenden IS‑U | schnellster Weg, Investitionsschutz für Eigenentwicklungen | Altlasten und Eigenentwicklungen wandern mit |
| Selective Data Transition | selektive Übernahme von Daten und Prozessen (der Begriff „Bluefield" ist ein Markenname der SNP Group) | Mittelweg: Bereinigen, wo nötig, Bewahren, wo sinnvoll | anspruchsvolle Migrationslogik, Spezialwerkzeuge nötig |
Die Wahl ist eine Architekturentscheidung entlang von Anpassungstiefe, Datenqualität und Transformationsziel. IS‑U-Systeme tragen typischerweise Jahrzehnte an ABAP-Eigenlogik in Tarifierung, Abrechnung und Marktprozessen; das Clean-Core-Prinzip verlangt, diese Logik in Standardnähe zurückzubauen oder als Erweiterung auf die BTP zu verlagern. Ein iMSys-Rollout verschärft diese Frage, weil er neue Prozesse in genau die Module bringt, die von Eigenentwicklungen am stärksten betroffen sind.
Typische Stolpersteine aus der Projektpraxis
01
Stammdatenqualität unterschätzt.
Das größte Einzelrisiko liegt selten in der Technik, sondern in inkonsistenten Geräte-, Mess- und Marktlokationsdaten, die bei Migration und Marktkommunikation gleichzeitig auffliegen. Eine Datenqualitätsanalyse gehört an den Anfang des Projekts, nicht in die Testphase.
02
Mengengerüste erst im Betrieb erlebt.
Abrechnungs- und Aggregationsläufe, die mit Jahreswerten funktionierten, kippen unter Viertelstundenlast; die Konsequenzen für Lasttests und Archivierung stehen oben im Massendaten-Abschnitt.
03
Fehlerbehandlung ohne Fachbereich.
Bei hohen Nachrichtenvolumina ist eine IT-zentrierte Fehlerklärung nicht durchzuhalten; Monitoring nach fachlichen Kategorien und klare Klärfallverantwortung im Fachbereich sind Teil der Architektur, nicht der Nachsorge.
04
Der Business Case kleiner Betreiber.
Die BNetzA-Zahlen zeigen ein deutliches Größengefälle beim Rollout-Fortschritt. Die Smart Meter Initiative, ein Interessenbündnis unter anderem von Octopus Energy und Tibber, verweist laut Presseberichten auf Branchenstimmen, wonach sich der Messstellenbetrieb erst ab etwa 500.000 Messstellen wirtschaftlich betreiben lässt. Ob man dieser Zahl folgt oder nicht: Unterhalb kritischer Stückzahlen gehören Kooperationsmodelle, GWA-as-a-Service oder Full-Service-Metering ernsthaft auf den Tisch, bevor eine eigene Systemlandschaft für wenige zehntausend Geräte entsteht.
05
Fachkräfte als Engpass.
IS‑U-Wissen ist knapp und altert mit der Plattform. Projekte, die Transformation und Rollout parallel stemmen, konkurrieren intern um dieselben wenigen Schlüsselpersonen; externer Support ändert daran nur etwas, wenn Wissenstransfer eingeplant ist.
Häufige Fragen
Können Kunden ein intelligentes Messsystem bekommen, bevor sie an der Reihe sind?
Ja. Seit dem 1. Januar 2025 besteht ein Anspruch auf vorzeitige Ausstattung binnen vier Monaten ab Beauftragung, seit dem 1. Juli 2026 auch in der Sparte Gas. Der grundzuständige Messstellenbetreiber darf dafür einmalig bis zu 100 Euro verlangen; ablehnen darf er den Wunsch nicht, sondern ihn nur zurückstellen, solange sonst seine Rollout-Ziele gefährdet wären, und muss das in Textform begründen und einen verbindlichen Zeitplan nennen (§ 34, § 35 MsbG).
Was passiert, wenn ein Messstellenbetreiber seine Rollout-Quote verfehlt?
Die Bundesnetzagentur kann Aufsichtsmaßnahmen nach § 45 Abs. 2 in Verbindung mit § 76 MsbG anordnen und per Zwangsgeld durchsetzen. Das ist keine Theorie: Im März 2026 liefen die ersten 77 Verfahren gegen Betreiber, die das 20-Prozent-Ziel zum Jahresende 2025 verfehlt hatten, weitere wurden angekündigt.
Gilt § 14a EnWG auch für Bestandsanlagen?
Steuerbare Verbrauchseinrichtungen, die vor dem 1. Januar 2024 in Betrieb gingen und keine Steuerungsvereinbarung hatten, bleiben dauerhaft im alten Regime; bestehende Steuerungsvereinbarungen wurden in die neuen Regeln überführt. Zwei Ausnahmen sind zu beachten: Für Nachtspeicherheizungen endet der Bestandsschutz Ende 2028, und bei einer wesentlichen Änderung der Anlage entfällt er ebenfalls.
Wie lange lässt sich SAP IS‑U noch betreiben?
In der Mainstream-Wartung bis Ende 2027, mit kostenpflichtiger Extended Maintenance bis Ende 2030. Danach bleibt nur die an Bedingungen geknüpfte „SAP ERP, private edition, transition option" bis 2033, die einen RISE-Vertrag und den Wechsel in die Private Cloud vor Ende 2030 voraussetzt. Ein Weiterbetrieb ohne Wartung ist formal möglich, aber in einem Markt mit halbjährlichen Formatwechseln in der Marktkommunikation praktisch kaum verantwortbar.
Worin unterscheiden sich Messlokation und Marktlokation?
Die Messlokation (MeLo) ist der Ort, an dem Energie gemessen wird, samt der zugehörigen Messtechnik. Die Marktlokation (MaLo) ist das bilanzielle Konstrukt, an dem Energie erzeugt oder verbraucht wird; an ihr hängen Liefervertrag, Netznutzung und Bilanzkreis. Im Standardfall stehen beide 1:1 zueinander, es gibt aber 1:n-Fälle (eine Marktlokation mit Haupt- und Untermessung) und n:1-Fälle (ein Zweirichtungszähler bedient eine Verbrauchs- und eine Erzeugungs-Marktlokation). Die Begriffe stammen aus dem Rollenmodell des Branchenverbands BDEW und sind seit den BNetzA-Festlegungen zum Interimsmodell verbindlich; die elfstellige MaLo-ID gilt seit Februar 2018.
Welche Tarifanwendungsfälle braucht ein dynamischer Tarif?
In der Praxis läuft die Abrechnung dynamischer Tarife über TAF 7, die Zählerstandsgangmessung: Sie liefert die Viertelstundenwerte, die mit den Spotmarktpreisen bewertet werden. TAF 2 deckt zeitvariable Tarife mit Tarifierung im Gateway ab. Für ereignisvariable Tarifmodelle erprobt das BSI seit September 2025 die künftigen TAF 5 und TAF 16, die eine zentrale Tarifierung beim Messwertverwender erleichtern sollen.
Auf einen Blick
Fazit
Intelligente Messsysteme sind für SAP-Anwender in der Energiewirtschaft kein einzelnes Integrationsprojekt, sondern ein Umbau entlang der gesamten Kette: Gerätelebenszyklus und eLS-Import in der Geräteverwaltung, MDUS-Schnittstellen zu MDM und Head-End, Viertelstundenwerte und VEE im EDM, dynamische Tarife in Billing und Convergent Invoicing, dazu eine Marktkommunikation im halbjährlichen Formatwechsel. Die Regulatorik gibt den Takt vor, und sie ist seit Februar 2025 strenger getaktet, als viele Planungen noch annehmen. Gleichzeitig läuft die Wartung der Plattform aus, auf der die meisten dieser Prozesse heute laufen. Die belastbarste Reihenfolge für 2026 lautet deshalb: Stammdatenqualität messen, Zielarchitektur für Metering und Marktkommunikation festlegen, Migrationspfad entscheiden, und beides, Rollout und Transformation, in einem gemeinsamen Fahrplan führen statt in zwei konkurrierenden Projekten.

Über den Autor
Kai Seegers
Solution Architect & Senior-Berater
Kai Seegers ist Solution Architect und Senior-Berater bei Seegers Consulting und arbeitet schwerpunktmäßig an SAP-Projekten in der Energiewirtschaft, von SAP IS‑U und S/4HANA Utilities bis zur Integration intelligenter Messsysteme und der Marktkommunikation.

